Körber-Preis 2019
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Schweigen ist Silber, Reden ist Gold    

Vermutlich war das, was man heute landläufig Wissenschaftskommunikation nennt, noch niemals davor und auch danach nie wieder so erfolgreich wie im Juli 1969: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit«, dieser Satz ist ins globale Menschheitsgedächtnis eingebrannt und wird vielleicht der sein, der vom 20. Jahrhundert übrigbleibt. Er ist Ausdruck einer Epoche auf der Höhe ihrer Möglichkeiten: Wissenschaftlich-technische Visionen beflügeln die Phantasie der Menschheit, und nahezu alles scheint dank Wissenschaft und Technik erreichbar – unerschöpfliche Energie dank Atomkraft, Überwindung aller Krankheiten dank der Fortschritte in Medizin und Pharmazie, Beseitigung des Hungers dank der Agrarchemie und die Abschaffung schwerer und monotoner Arbeit dank Automatisierung und Robotik. Was noch wie purer Triumph klingt, kann aber auch schon als Rechtfertigung gegenüber ersten leise auftauchenden Zweifeln verstanden werden: War die Landung auf dem Mond wirklich ein entscheidender Schritt für die Menschheit? Oder sollten Energie und Erfindergeist nicht besser auf die Lösung ganz irdischer Probleme wie Armut und Ungleichheit gerichtet werden? 

Fünfzig Jahre später jedenfalls ist der Glaube, Wissenschaft und Technik würden quasi automatisch einen Fortschritt zum Besseren bewirken, bestenfalls noch eine fromme Hoffnung. Immer offenkundiger wird, dass jede Technologie und jeder Fortschritt auch ihren Preis haben. Und damit befinden wir uns in einer Situation, in der offene Kommunikation über Wissenschaft und Technik wichtiger ist denn je, und zwar nicht eine, die in Hochglanzmanier von Segnungen und Erfolgen berichtet, sondern eine, die Chancen und Risiken wissenschaftlich-technischer Entwicklungen einer gesellschaftlichen Debatte zugänglich macht. Beteiligung, nicht Überredung heißt das Gebot der Stunde.

Derzeit droht weltweit die Stimme der Wissenschaft immer mehr zu einer bloßen Meinung unter vielen möglichen degradiert zu werden. Umso wichtiger ist es, sich entschieden auf die Seite der Vernunft zu stellen und darauf zu beharren, dass gesellschaftliche Aushandlungsprozesse rational, sprich auf der Basis wissenschaftlicher Befunde, stattfinden sollten. 

Nicht zuletzt deshalb nehmen wir das Jubiläum des sechzigjährigen Bestehens der Körber-Stiftung zum Anlass, unserer Überzeugung der Unverzichtbarkeit von Spitzenforschung in Europa auch materiell Ausdruck zu verleihen, indem wir die Dotierung des Körber-Preises für die Europäische Wissenschaft ab diesem Jahr auf eine Million Euro erhöhen. Mit dieser Anerkennung für die Leistungen der Forscherinnen und Forscher geht die Herausforderung einher, fünf Prozent der Preissumme künftig für Belange der Wissenschaftskommunikation einzusetzen. Denn gerade diejenigen, deren Arbeit die jeweilige Spitze des wissenschaftlichen Fortschritts auf ihrem Feld markiert, sollten sich der Verpflichtung stellen, so früh wie möglich ihre Erkenntnisse öffentlich darzustellen und diskutierbar zu machen.

Unser diesjähriger Preisträger, der Informatiker und Pionier des maschinellen Lernens Bernhard Schölkopf, stellt sich dieser Aufgabe jetzt schon aus Überzeugung, denn sein Forschungsgebiet, die Künstliche Intelligenz, sorgt wie vielleicht sonst nur noch die Gentechnik für kontroverse gesellschaftliche Debatten. Im Gegensatz zu früheren technologischen Sprüngen findet diese Diskussion zu einem Zeitpunkt statt, zu dem nicht faktisch schon alles entschieden ist: Noch können wir die Arten und Weisen und auch die Grenzen des Einsatzes dieser Technologie gestalten. 

Dass ein Forscher auf diesem Gebiet den Preis erhält, ist übrigens ein Beleg für die Wandlungsfähigkeit des Preises, denn seit zwei Jahren richten unsere Search Committees europaweit ihren Blick auch auf das Feld der sogenannten computational sciences, einen Bereich, in dem zukünftig massive wissenschaftliche Sprünge zu erwarten sind. Ihnen, den Gremien des Preises und dem Vorsitzenden unseres Kuratoriums, Professor Martin Stratmann, gilt unser Dank, denn Sie tragen nicht nur maßgeblich zum Erfolg und Renommee des Preises bei, sondern bereichern ihn auch immer wieder mit neuen Impulsen zu seiner Entwicklung. Unsere Gratulation aber gilt Bernhard Schölkopf – sowohl für seine wissenschaftlichen Durchbrüche in der Künstlichen Intelligenz als auch für sein Bestreben, diesem Feld in Europa einen weltweit konkurrenzfähigen Status zu verschaffen. Dass wir uns mit dem Preisträger und unseren Gremien einig wissen, welche zentrale Rolle dabei einer offenen und auf allen Seiten lernbereiten Kommunikation zukommt, halten wir für einen Glücksfall. In Abwandlung des Mottos dieses Editorials könnte man also angesichts des in Rede stehenden Forschungsgebiets sagen: Rechnen ist Silber, Reden ist Gold!


Matthias Mayer

Leiter Bereich Wissenschaft der Körber-Stiftung