Körber-Preis 2019
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Wissenschaftsfreiheit, Verantwortung und Kommunikation

Wissenschaft folgt dem menschlichen Bedürfnis, ›wissen zu wollen‹. Sie kann den Drang, neue Erkenntnisse zu gewinnen, am besten erfüllen, wenn sie frei ist: frei von inhaltlichen Vorgaben, frei von Begrenzungen, frei von staatlichen Vorgaben, frei von Verwertungsansprüchen. Unter diesen Bedingungen kann sie sich entfalten und die Grenzen des Wissens überschreiten. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das 2019 sein 70-jähriges Jubiläum feiert, garantiert in Artikel 5 nicht nur die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit, sondern auch die Wissenschaftsfreiheit: »Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«, heißt es hier. Aber auch andere europäische Länder ebenso wie die Grundrechtecharta der EU schützen die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft.

Auf diesem Boden gedeihen nun jene Forschungsarbeiten, die der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft alljährlich auszeichnet. Es sind einzelne herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für ihre zukunftsträchtige Forschung zukünftig das Preisgeld von einer Million Euro erhalten, nachdem sich die Stiftung in diesem Jahr für eine Aufstockung des Preisgelds entschieden hat. Sie hat den Preis darüber hinaus mit der Auflage versehen, dass fünf Prozent des Preisgeldes für Wissenschaftskommunikation zu verwenden sind. Und dafür gibt es gute Gründe.

Denn die Freiheit der Wissenschaft steht immer auch in engem Zusammenhang mit der Verantwortung der Wissenschaft. Dies wird besonders in einer Zeit deutlich, in der Wissenschaft und technisch-wirtschaftliche Praxis immer enger zusammenrücken. Das kann man eindrucksvoll beobachten bei der rasanten Entwicklung des Genome Editing durch CRISPR-Cas9 oder aber den Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz. Bei beiden zeichnen sich ethische Herausforderungen und mögliche Gefahren oder gar Missbrauchspotenziale ab, die einer ethischen Reflexion der Wissenschaft bedürfen. Dabei geht es nicht um eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, sondern um zusätzliche Wege, dieser Wirkung zu verschaffen.

Forschungsorganisationen müssen ethische Prinzipien offenlegen, auf Basis derer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zum Umgang mit Forschung unterstützt werden, die den Menschen oder die Umwelt, in der er lebt, gefährden kann. So hat die Max-Planck-Gesellschaft im Mai 2019 in einem Positionspapier ihren Standpunkt zum Genom Editing formuliert. Sie lehnt darin unter anderem die Veränderung der menschlichen Keimbahn auf Basis des gegenwärtigen Wissensstandes ab. Und auf EU-­Ebene befassen sich Experten mit der Frage nach den ethischen Leitlinien für die Entwicklung einer vertrauenswürdigen Künstlichen Intelligenz. Egal, um welche Technik es geht – die Lösungen für die Zukunft können wir nur gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Akteuren entwickeln.

Wissenschaftsfreiheit kann daher auch nicht unbegrenzt sein. Dem Recht auf freie Forschung können andere schützenswerte Rechte entgegenstehen. Insofern muss Wissenschaftsfreiheit unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder neu ausgehandelt werden. Dieser Aushandlungsprozess bedarf eines lebendigen und offenen Diskurses. Der Wissenschaftskommunikation kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Die mit dem Körber-Preis vergebenen Mittel sollten daher klug eingesetzt werden. Die Wissenschaft muss als Hauptakteur die Wissenschaftsfreiheit im demokratischen Diskurs selbst verteidigen. Sie hat größtes Interesse daran, dass ihr Publikum nicht nur zuhört, sondern ihr auch vertraut. Deshalb muss Wissenschaft in der Kommunikation ihre Rolle und auch die ethische Selbstreflexion sichtbar machen.


Prof. Dr. Martin Stratmann

Präsident der Max-Planck-Gesellschaft
Vorsitzender des Kuratoriums des Körber-Preises