Körber-Preis 2019
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Die Computer im Server-Raum des MPI für Intelligente Systeme in Tübingen liefern die Power für die oft sehr rechenaufwendige KI-Software.


TEXT: CLAUS-PETER SESÍN
FOTOS: FRIEDRUN REINHOLD

Obwohl fast alle tagtäglich damit in Kontakt kommen, weiß rund die Hälfte der Deutschen nicht, was unter dem Begriff Künstliche Intelligenz zu verstehen ist. »Kl ist im Spiel, wenn das Smartphone abgespeicherte Fotos automatisch nach Gesichtern und Themen wie Urlaub gruppiert oder Texte von einer Sprache in eine andere übersetzt«, erklärt Schölkopf. Auch digitale Sprachassistenten wie Alexa, Siri oder Cortana, die intelligent auf gesprochene Sprache reagieren, nutzen dazu KI-Algorithmen.

Künstliche Intelligenz erlebt zurzeit einen weltweiten Boom, nicht zuletzt wegen ihrer stark wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung. Die USA und China investieren Milliarden in diese Technologie, die weltweit das Arbeitsleben grundlegend verändern wird. Bereits vor der Jahrtausendwende sind intelligente Roboter in großem Stil in die Fabriken eingezogen, etwa in der Autoindustrie. Künftig werden intelligente Systeme auch zunehmend Routinearbeiten in Büros übernehmen. 

Bernhard Schölkopf, 51, ist ein Pionier dieser ›dritten industriellen Revolution‹ – wie er sie nennt. »Die erste basierte auf Energie aus Wasser- und Dampfkraft, die zweite auf Energie aus Elektrifizierung. Die gegenwärtig laufende dritte ersetzt Energie durch den Begriff der Information.«

EXPERTENSYSTEME LEGTEN DEN GRUNDSTEIN FÜR DAS FACH INFORMATIK

Für intelligente Computersysteme gibt es viele unterschiedliche Ansätze. Bereits in den 1950er Jahren forschten US-Wissenschaftler an KI. Sie simulierten die Denkweise menschlicher Experten in sogenannten Expertensystemen, die mit Wenn-Dann-Regeln gefüttert wurden. Aus den gespeicherten Regeln »Wenn es regnet, ist die Straße glatt« und »Wenn die Straße glatt ist, geraten Autos leicht ins Schleudern« konnten Expertensysteme eigenständig schlussfolgern: »Wenn es regnet, geraten Autos leicht ins Schleudern.« Das war freilich ein rein formallogischer Akt computerisierter Datenverarbeitung. Davon, was eine Straße oder ein Auto ist, hatten die Systeme keinen Schimmer. Trotzdem begleitete ihre Entwicklung ein enormer Hype. KI-Legende Marvin Minsky vom Massachusetts Institute of Technology behauptete damals: »Wir Menschen können froh sein, wenn uns intelligente Roboter in 50 Jahren noch als ihre Haustiere akzeptieren.« Von all dem war ein halbes Jahrhundert später wenig zu sehen. Immerhin ent­wickelten KI-Forscher erste höhere Programmiersprachen für Computer (u. a. Lisp), die für Programmierer leichter verständlich sind als reiner Maschinen-Code aus Nullen und Einsen – und legten damit den Grundstein für das Fach Informatik.